Tierheilpraktiker ein Beruf mit Tradition und Zukunft
Zu aller Zeit gab es Menschen, die kranke Tiere behandelten. Auch die schulmedizinische Tierheilkunde ist aus dem Stand der Tierheilkundigen hervorgegangen, auch wenn deren Vertreter dies heute nicht mehr wahrhaben wollen. Die in jahrhundertelanger Entwicklung überlieferten Verfahren und das meist mündlich überlieferte praktische Wissen haben der schulmedizinischen Tierheilkunde als Grundlage und Ausgangspunkt gedient.
Erst die Neuzeit brachte die Trennung von Tierheilpraktikern und Tierärzten durch die Entstehung von Lehrstätten und Schulen für Tierheilkundige. Bereits 1762 entstand die erste Schule in Lyon, gefolgt 1765 von einer Schule in Alfort bei Paris. Die ersten deutschen Schulen waren 1790 in Berlin und München. Erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde dann eine höhere Vorbildung verlangt, seit 1830 die Universitätsreife.

Trotz dieser Lehrstätten hat sich der Beruf des Tierheilpraktikers bis auf den heutigen Tag erhalten, und dies aus mehreren Gründen: Zum einen waren die tierärztlichen Lehrinstitute zunächst nur dazu errichtet worden, über die Einführung von Amtstierärzten die damals grassierenden Seuchen zu bekämpfen. Die Tierheilpraktiker hatten sich jedoch in ihrer Umgebung als Behandler oft schon durch Generationen hindurch einen festen Platz erobert, den die schulmedizinisch gebildeten Tierärzte ihnen anfangs nur schwer streitig machen konnten. Durch die Zunahme der Zahl der Approbierten konnten diese nicht mehr alle in Ämtern untergebracht werden und der freiberuflich arbeitende Tierarzt entstand. In den letzten Jahren hat die Zahl der freiberuflich arbeitenden Tierärzte jedoch derart zugenommen, dass sich deren Berufsvertretungen bereits seit längerer Zeit ernsthaft und öffentlich überlegen, wie dem entgegenzutreten sei. Seit einiger Zeit gibt es sogar schon arbeitslose Tierärzte. Dass hierdurch das Konkurrenzverhalten den Tierheilpraktikern gegenüber an Aggressivität erheblich zugenommen hat verwundert nur Außenstehende. Es gibt genügend Tierheilpraktiker, die über persönliche Probleme berichten, die mit umliegenden Tierärzten bestehen.
Blinde Wissenschaftsgläubigkeit und Aufschwung der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den fünfziger und sechziger Jahren führten zwangsläufig zur Industrialisierung der Landwirtschaft mit allen positiven und negativen Aspekten. Den Tierhaltern wurde vorgegaukelt, nur mit entsprechend hohen Einsätzen an chemischen Erzeugnissen auf Boden und Pflanzen oder an ihren Tieren seien entsprechend hohe Gewinne zu erzielen. Dass dies auf Dauer zum Aussterben der Klein- und Mittelbetriebe führen musste, erscheint nachträglich nur logisch. Durch die Reduzierung der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe und die damit einhergehende Vergrößerung der Agrarfabriken verschwindet der Kontakt zwischen Erzeuger und Verbraucher. Erst durch diese Entfremdung ist es möglich geworden, dass Agrarprodukte auf den Markt kommen deren Herkunft für den Endverbraucher nicht mehr erkennbar sind und damit das Vertrauen in gesunde Nahrungsmittel zutiefst erschüttert wurde.

Neue, bislang völlig unbekannte Seuchen treten in den Tierbeständen und beim Menschen auf. BSE (Rinderwahn) ist nur eine davon. Haltungs- und umweltbedingte Schäden an Mensch und Tier durch Rückstände, der noch bis vor wenigen Jahren als völlig harmlos bezeichneten Substanzen, werden nicht ohne Folgen bleiben.
Der Einsatz natürlicher Heilmethoden bei der Behandlung kranker Tiere wird bis heute von wissenschaftlicher Seite eher belächelt als Ernst genommen und einigen wenigen „Exoten“ unter den Tierärzten und eben den Tierheilpraktikern überlassen. Aber selbst auf diesen verschwindend geringen Markt wird nunmehr Druck ausgeübt. War eine homöopathische Behandlung bisher eher „lächerlich oder einfach unwirksam“, so geht nun das Argument, diese Behandlungsmethoden seien unter Umständen gefährlich und müssten aus der Kette der Nahrungsmittelproduktion verschwinden. Entsprechende Vorschläge, homöopathische Arzneimittel ganz aus der Behandlung der Tiere zu entfernen, die der Nahrungsmittelproduktion dienen, liegen bereits zur Beratung beim Rat der Europäischen Gemeinschaft.

Der Beruf des Tierheilpraktikers wäre in dieser Entwicklung beinahe untergegangen, wäre ihm nicht der Umdenkungsprozeß in der Bevölkerung entgegengekommen, der ihn in seiner Berufsauffassung bestärkt. So ist der Beruf des Tierheilpraktikers nicht, wie von tierärztlicher Seite immer behauptet wird, ein völlig überflüssiges Relikt „aus der Steinzeit“, sondern ein moderner Beruf, der sich durch sein praktisches Verständnis und durch das Berücksichtigen biologischer Abläufe und Kreisläufe auszeichnet.
Der Tierheilpraktiker findet seinen Platz in der Behandlung kranker Tiere immer mehr bestätigt durch Tierhalter, die in ihrem Denken den Satz: „Nach uns die Sintflut“ gestrichen haben. Die naturgemääße Behandlung mit homöopathischen und pflanzlichen Arzneimitteln, aber auch die Beratung der Tierhalter über Fütterungs- und Haltungsprobleme sind Zentrum der beruflichen Tätigkeit. So ist der Tierheilpraktiker, ausgerüstet mit dem Erfahrungsschatz von Generationen und ausgestattet mit natürlicher Begabung auch in Zukunft ein selbstständiger Beruf, der sein Auskommen neben den akademisch ausgebildeten Tierärzten findet. Toleranz sollten auch die Interessenvertreter der Tierärzte wieder in ihr Programm aufnehmen, zum Wohl der Tiere und nicht zuletzt zum Wohl der ganzen Bevölkerung.
